Fünf Stunden Photo-Mekka

18.09.2014 ⋅ Kategorien:

Eben noch am Kaffeetisch, jetzt schon in der Bahn. Heute Morgen entschloss ich mich spontan, der Photokina einen Besuch abzustatten. Schnell dank Ermäßigungsgutschein meines Stamm-Dealers zwei Tagestickets zum halben Preis gebucht und ab mit Frau durch die Tür.

Ankunft 12:22 Uhr in Köln-Deutz, 12:27 Uhr durch die Pforten, Wegweiser abgegriffen und rein ins Getümmel. Warum rennen eigentlich so viele Besucher mit ihren Kameras über die Messe? Die würden auch bestimmt Eulen nach Athen tragen. Apropos Eulen, auf der Terasse sind wieder Greifvögel zum fotografischen Abschuss freigegeben. Auch mit der eigenen Kamera. BYOD (Bring your own device) gilt auch für die Photokina. Sehen und gesehen werden.

In der ersten Halle fiel mein Blick auf zwei alte Hasselblads in Vitrinen, die auf Texttafeln von ihrer Geburt und ihrem bewegten Leben erzählten und dank einer neu entwickelten Digitalrückwand ein zweites Leben eingehaucht bekommen hätten. Rührend. Die ausgestellte Lunar Hasselblad der Apollo-Mission fasziniert mich allerdings mehr. Sie war der eigentliche Grund, weshalb ich mich überhaupt je mit dieser Marke beschäftigt hatte. Nebenbei ist der Designer der klassischen Hasselblad auch für die Formgestaltung meines automobilen Kulturguts verantwortlich. Ich mag skandinavisches Design.

Der Stand von Hasselblad war brechend voll, deshalb ging es ein paar Meter weiter zum Impossible-Stand. Dort fand gerade ein Emulsionslifting-Workshop statt. Das muss ich unbedingt auch mal ausprobieren. Daneben stand dieses Smartphone-Dingsbums, uninteressant, ich habe zwei Polaroid-Kameras und überhaupt kein Smartphone. Trotzdem nicht unwichtig, schließlich gibt es mehr Smartphone- als Polaroid-Besitzer und die Leute sind total verzückt, als wäre die Sofortbildfotografie gerade erst erfunden worden.

Ups, falsche Treppe, hier ist Canon. Der totale Overkill. Ich glaube, die haben die ganze Etage gemietet. Also Treppe runter und unter Canon durchtauchen. Auf dem Weg Richtung Ausgang läuft mir der Voigtländer-Stand über den Weg. Der Berater zeigt mir die dritte Generation des Super-Wide-Heliars für Leica M. Mein Eindruck: Solider als meins der ersten Generation mir Schraubgewinde, griffiger, aber auch größer und schwerer bei gleicher Lichtstärke. Die neue Rechnung soll wohl sehr gut mit digitalen Sensoren harmonieren. Kann ich nicht beurteilen, ich weiß ja noch nicht einmal, wie sich meins an einer vollformatigen Digitalkamera schlägt. Die Randschärfe soll besser sein und die Vignettierung nicht mehr so extrem. Letzteres wäre für mich ein echtes Kaufargument.

Endlich, Leica! Wahnsinn! Wahnsinnspreise! Eine Fototasche (oder ist es ein Schulranzen aus den Sechzigern?) aus feinstem Froschfotzenleder aus Flagranti für 3.600 (in Worten: Dreitausendsechshundert) Euro. Leute, das ist albern. Ich liebe eure Kameras, aber ich hasse eure Preise.

Die Fotoausstellung von Leica ist allerdings ein Hit und schon alleine den Eintrittspreis wert. Die Fotos von Bryan Adams haben mich ziemlich schockiert. Wer diese Bilder gesehen hat, wird zwangsläufig zum Pazifisten. Auf der Bühne spielt ein Pianist melancholische Lieder.

Zurück aus der Ausstellung ging's als erstes zur S-Klasse. Klasse! Eine Kamera wie gemacht für meine Hände und Bedürfnisse, aber leider nicht für meinen Geldbeutel. Weiter zur M-Klasse, eher meine Kragenweite. Leica hat mal wieder die Bezeichnungen durchgeschüttelt. Die seit Jahren analoge M-P (P für Professional) heißt jetzt M-A (A für Analog), dafür gibt es jetzt eine digitale M-P. Und aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix. Alles klar? Egal, eine M (seit 2012 ohne Nummer) ist mir immer noch zu teuer.

Und dann stand sie da: Meine Kamera! Eine digitale Leica M im klassischen Format, ohne diesen Display-Buckel. Statt eines Bildschirms gibt's an dieser Stelle nur einen Drehschalter für die FilmSensorempfindlichkeit. Gespeichert werden die Bilder im DNG-Format. Sonstige Extras? Keine. Na gut, eine eingebauter Belichtungsmesser wäre schon praktisch, aber wer will angesichts dieser konsequenten Reduktion auf das Wesentliche Rosinen picken? Das ist Liebe auf den ersten Blick. Leider lässt der Blick auf's Preisschild die Liebe wie eine Seifenblase zerplatzen: 15.000 Euro! Leute, das ist nicht fair. So ein Werkzeug gehört auf die Straße, nicht in die Vitrine. Denkt mal drüber nach.

Zigarettenpause. Wie geht's weiter? Filme! Was machen eigentlich Agfa, Kodak und Fuji noch an Material für uns eingefleischte Analogiker? Als erstes kreuzen wir am Agfaphoto-Stand auf. Neben Speicherkarten stehen da doch tatsächlich und leibhaftig Filme.
"Entschuldigung, ich hätte da mal eine Frage zu ihren Filmen."
"Ach, Sie sind also der Käufer, der unsere Filme kauft."
"Sagen Sie mal, stimmt das tatsächlich, das der CT Precisa 100 in Wirklichkeit ein Fuji Sensia ist?"
"Nein, nicht mehr, mittlerweile ist es Provia-Material. Sonst noch Fragen?"
"Nö."

Weiter zu Kodak. Die Nachfrage bei S/W-Filmen steigt wohl wieder an. Diafilm ist schon seit zwei Jahren nicht mehr im Sortiment. Hab mich lange nicht mehr mit Kodak beschäftigt, obwohl ich früher eingefleischter Kodak-Verbraucher war. Petition für Diafilme zwecklos. Ich hätte wohl doch öfters mal wieder Kodak-Filme kaufen sollen.

Last but not least, Fuji. Die Filmbegenung der besonderen Art in Form einer Sofortbildkamera im Retro-Look. Gibt's in "Wide" (Vollformat) und "Mini" (Halbformat). Die "Mini" hat's mir echt angetan. Bilder etwas größer als ein Passbild in zwei Minuten. Zehn Schuss für 8 Euro. Die Leute sind fast ausgeflippt. Echte Fotos zum Anfassen! Ansonsten gab es Filme nur auf einem einseitigen DIN-A4-Blatt. Provia 400X ist nicht mehr drauf. Neben Velvia 50 und 100 gibt es nur noch den Provia 100F. Hat der Agfa-Mann mich etwa verarscht oder hat Fuji tatsächlich eine Lizenz zum Kopieren des Provias an Agfaphoto vergeben? Ich will die Geduld nicht überstrapazieren und verabschiede mich Richtung Sony.

Sony, ähnlich bombastisch wie Canon, aber hier habe ich wenigstens ein berechtigtes Interesse. Ich will nämlich wissen, ob man bei der Alpha 7 mit manuellen Objektiven die Sucherlupe ohne die Kamera vom Auge zu nehmen per Knopfdruck einschalten kann. Ich weiß nicht, was der aufgekratzte Promoter eingenommen hat, aber es war definitiv nicht meine Droge. Nachdem er mich be- und ich ihn entschleunigt hatte waren wir endlich auf einem Level und nach ungefähr zehn realen und gefühlten 20 Minuten Brüder im Geiste. Jetzt verriet er mir auch endlich, wie man die Sucherlupe einschaltet. Na also, geht doch.

Was nun? Wir haben noch etwas Zeit. Da war doch diese Digitalrückwand für die V-Serie am Hasselblad-Stand. Also zurück ins Wasa-Land. Der Stand ist deutlich leerer als eingangs. Ich bekomme eine 500C/M mit dieser neuen Digitalrückwand in die Hand gedrückt. Ich hatte vorher noch nie eine Hasselblad in den Händen. Ich sah diese Kamera eigentlich immer nur hinter Schaufensterscheiben mit meinem Nasenabdruck. "Zu groß, zu teuer, zu schwer, falsches Format" waren meine ständigen Ausreden. Und jetzt? Schwer ist sie tatsächlich, die Handhabung gewöhnungsbedürftig. Was die Digitalrückwand angeht: 33 x 44 mm Sensorgröße, 40 MPx, schluckt nur CF-Karten, Firewire-Anschluss, 11.000 Euro.

Neulich sah ich hinter einer Schaufensterscheibe eine 500C/M für 500 Euro und wurde beinahe schwach. Dann kamen die Ausreden und zogen mich schweren Herzens fort. Seit heute bereue ich den Nichtkauf nicht mehr. Bei der Hälfte des ausgerufenen Preises für die Digitalrückwand hätte ich vielleicht angefangen zu sparen. Jetzt spare ich lieber auf eine digitale Leica M. Die ist sowieso leichter, kleiner und billiger. Wieviel ist eigentlich gerade im Lotto-Jackpot?